2010

2. Grenzgänger Theatertage

15. bis 23. Oktober

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Presseschau

Radio Lora, 27. Oktober 2010
Behinderung neu denken
Auszüge aus einem Gespräch von Eva Schmidt mit Peter Radtke

(…) Überhaupt der Begriff “Behinderung”, der ist ja eigentlich ein rein verwaltungstechnischer, denn was verbindet einen Körperbehinderten, einen Blinden, einen Gehörlosen, einen so genannten geistig Behinderten miteinander? Im Grunde geht es nur darum, alle diese Leute in ein Schema zu stecken, damit sie Zuschüsse oder Vergünstigungen bekommen können, und dafür hat man diesen Sammelbegriff gewählt. Ähnlich dürfte es auch bei der Klassifizierung sein. Das ist, wenn man nur pragmatisch denkt, sicher von Vorteil. Aber die Nachteile liegen eher im Psychologischen, indem alle über einen Kamm geschert werden.

(…) Es gibt da eine ganz interessante Erfahrung: In England zum Beispiel gibt es für bestimmte Veranstaltungen oder Ereignisse, bei denen es bei uns Ermäßigungen für Menschen mit einer Behinderung gibt, keine Vergünstigungen, und plötzlich stellt sich heraus, dass in einem Land, das um Einiges fortschrittlicher ist als Deutschland, dieser Vorteil wegfällt. (…) Ich denke, viele Betroffene sind sich dessen gar nicht bewusst, dass wirkliche Gleichstellung im Grunde auch die Aufgabe von gewissen Vorteilen ist. Nehmen wir einmal an, wir hätten eine Grundrente, eine zum Leben ausreichende Versorgung, dann bräuchten wir nicht unbedingt spezielle Vergünstigungen. Das ist dann der Nachteil einer wirklichen Gleichstellung mit anderen Bürgern. Ich denke, wir befinden uns tatsächlich in einem Dilemma: Wollen wir eigentlich wirklich, bis zum Ende durchdacht, gleichberechtigt, gleichgestellt sein? Dann würde dies auch bestimmte Gewohnheiten, die wir als selbstverständlich annehmen, in Frage stellen. (…)

Behindertenprobleme sind eigentlich allgemeine gesellschaftliche Probleme; an ihnen lassen sich am ehesten Fehlentwicklungen der Gesellschaft aufzeigen. Diese Dimension müsste man stärker in den Fokus nehmen, stärker berücksichtigen und nicht auf den Personenkreis der Menschen mit Behinderungen reduzieren. Natürlich spielt es dort eine Rolle, aber gerade die Diskussion über Inklusion ist eine Diskussion über eine allgemeine gesellschaftliche Problematik. Ich sage immer, wenn die Politiker wüssten, was damit tatsächlich gemeint ist, dann würden sie nicht so hoch jubeln, ja ja toll, neuer Begriff usw., denn dies würde unser gesamtes gesellschaftliches Gefüge verändern. Inklusion bedeutet das Aufbrechen von bestimmten traditionellen Strukturen. Das bedeutet dann auch möglicherweise die Aufgabe von bestimmten Privilegien bestimmter gesellschaftlicher Gruppen – und zwar nicht nur in der Schule. Wenn ich an Arbeit denke, gibt es jetzt z.B. die Überlegung, dass man anonyme Bewerbungen durchführt. Und nehmen wir an, ob es jetzt ein behinderter Mensch oder ein Ausländer ist, da ist jemand geeignet für den Job und wenn man denjenigen dann tatsächlich vor sich hat, dann stellt sich heraus, ich muss aber etwas ändern in meinem Betrieb, um dann genauso effektiv arbeiten zu können. Diese ganzen Fragen der jetzt eingefahrenen Strukturen, auch das gerade sehr aktuelle Thema “Stuttgart 21”, d.h., was da gerade mit Geisler probiert wird, das ist eigentlich ein inklusiver Ansatz, der bei uns bisher eben nicht vorkam – das Einbeziehen aller mit einer Thematik Befassten. Wir bewegen uns tatsächlich in Richtung einer Inklusion aber die Grenzen und Dimensionen, die das bedeutet, sind den wenigsten überhaupt präsent. (…)

Selbstverständlich kann ich nicht negieren, dass ich behindert bin, ganz klar, aber ich möchte mich nicht darauf reduzieren lassen. Was können wir aus unserer Erfahrung mit Behinderung für die Gesellschaft tun? Das scheint mir persönlich viel wichtiger und für einen selber viel fruchtbarer, weil man dann nicht einfach stehen bleibt. Ich kann gerade durch meine Existenz, die anders ist als die vieler anderer, etwas beitragen.

Abendzeitung, 27. März 2010
Poetisch, komisch, versponnen
Das Berliner Theater Thikwa arbeitet seit langem mit Behinderten und Nichtbehinderten. (…) Nun hat die Münchner Performerin Ruth Geiersberger in Koproduktion mit Thikwa “Hindernisse auf der Fahrbahn” inszeniert – eine zarte, skurrile Hommage an den schizophrenen Dichter Ernst Herbeck. (…) Die Philosophie der Gedichte wird immer wieder erfrischend naiv gebrochen – Ruth Geiersberger liest mit feiner Komik. Die beiden behinderten Thikwa-Darsteller verblüffen mit anderen Kunstfertigkeiten: Torsten Holzapfel zeichnet ununterbrochen mit Bravour, hängt die Bilder an Fäden auf und schmettert Berliner Gassenhauer, von Geiersberger mit einem Zungenschnalzen an- und ausgeknipst. Tim Petersen singt mit Geiersberger zweistimmig a capella bayerische Lieder, deren Jodlerseligkeit ganz leise und lyrisch verfremdet erklingt. Kontrabassist Klaus Janek legt sich mit seinem Instrument auch mal ins Schlauchboot oder spielt einen Brodeldialog mit der Kaffeemaschine. Aus Herbecks überraschenden Texten, den Zeichnungen und der Musik entsteht eine wundersam versponnene, poetisch-skurrile Atmosphäre.

Süddeutsche Zeitung, 22. März 2010
Pralles Theaterleben
(…) Eine Inszenierung, die nahezu vollkommen vom Ensemble der seelisch erkrankten Darsteller und ihrer Therapeuten getragen wird – nicht zuletzt, weil es ein Geheimnis bleibt, wer Patient ist und wer nicht. Dies erzeugt ein Bühnenerlebnis, das mit allen Maßstäben bricht, die man auf dem Theater im Allgemeinen anwenden kann. Vielmehr öffnet sich dabei eine Dimension irgendwo zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

(…) Die Ränder der Handlung und ihrer Konventionen fransen dabei mehr und mehr aus und finden ihren bewegenden Höhepunkt in der Schlussszene.

 

 

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