2012

4. Grenzgänger Theatertage

10. bis 19. Oktober

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Mezzanin Theater · Graz: Tarte au Chocolat | Theater Thikwa · Berlin: Protokoll Pankow – Ein Portrait | Theater Apropos · München: Unterwegs nach Utopia. Ein Zwischenstopp | Theater Brût · Passau: Draussen vor der Heimat | compagnie BewegGrund · Bern & compagnie drift · Zürich: on beauty | atelier hpca · München: Ausstellung Klaus Zelmer – my univers | Filmabend:  Unterwegs nach Utopia Regie Bernd Thoma / Bilder von anderswo Regie Ralf Zöller | Workshop: Sie haben eine Nachricht mit Burchard Dabinnus | Konzert: Blues Brothers · Pocking

Presseschau

Donaukurier, Ingolstadt, 12.10.2012
Guglhupf mit Lausbubencharme serviert
Bei den Grenzgänger Theatertagen in München stehen auch Behinderte auf der Bühne

„Über Geld reden wir nicht, denn wir haben eh keines“, konstatierte Anette Spola verschmitzt lächelnd bei ihrer launigen Eröffnungsrede zu den Grenzgänger Theatertagen, die heuer zum vierten Mal in ihrem Schwabinger Hinterhof- „Theater am Sozialamt“ stattfinden. Ein kleines, aber sehr notwendiges Festival ist’s, das sich der Integration geistig und körperlich Behinderter ins „normale“ Theatergeschehen verschrieben hat und trotz der chronisch knappen Finanzlage des „TamS“ erfreulicherweise von zahlreichen Sponsoren unterstützt wird. Und diese Zuschüsse sind eine gute Investition, wie der köstliche Beitrag zur Eröffnung dieser ganz besonderen Theatertage dokumentierte: „Tarte au Chocolat“ des Mezzanin Theaters aus Graz.

(…) Ein hinreißender Slapstick ist dieser schräge Blick auf all die realen und imaginären Tücken bei der Reinigung eines Zimmers mit einem Staubsauger und vor allem bei der Herstellung des titelgebenden Guglhupfs mit Schokoladenguss. (…) All die Gags dieser Kuchenschlacht sind nicht neu, aber sie werden von dem Gespann Jean-Paul und Erwin (auf Französisch und Deutsch) so hintergründig und hinreißend serviert, dass Dauerschmunzeln und herzhaftes Lachen garantiert sind. Vor allem der am Down-Syndrom leidende Erwin Slepcevic verkörpert den Konditor-Azubi so liebenswert anarchistisch, dass man als Zuschauer bei all seinen Streichen fast schon Mitleid mit seinem Chef (Jean-Paul Ledun) bekommt. Doch so herrlich keck und lausbübisch, wie der Laienschauspieler dieses freche Bürschchen verkörpert, verzeiht man diesem Schlitzohr alles, wirklich alles. Hannes S. Macher

Münchner Feuilleton Nr. 12, 13.10.2012
Grenzgänger mit Fantasie und Hingabe
Beim integrativen Festival im TamS geben behinderte Theatermacher noch bis 19.10. Einblicke in ihre Welt. Anette Spola veranstaltet die Theatertage schon zum vierten Mal.
„Es gibt erstaunlich viele Gruppen, manche arbeiten schon seit über 20 Jahren, wie das Berliner Theater Thikwa”, sagt Anette Spola. Sie selbst leitet mit Rudolf Vogel in München seit 1998 auch die Gruppe Theater Apropos, mit der sie „Unterwegs nach Utopia” inszeniert hat. Die Proben dokumentiert ein Film, der am 18. läuft, zusammen mit dem Dokumentarfilm „Bilder von anderswo” über den blinden Fotografen Evgen Bavcar.

Die Arbeit mit dem Theater Apropos brachte Anette Spola auf die Idee zu den Grenzgänger- Theatertagen. Bei der Stadt stieß sie auf offene Ohren. Und die Besucherzahlen sind kontinuierlich gestiegen. „Anfangs war das eine Nische, aber inzwischen wird es schon anders wahrgenommen – es gibt ein erstaunliches Interesse”, sagt sie. Sie ist immer wieder fasziniert von der Fantasie, dem Temperament und der Hingabe der Spieler, für die das Spielen oft eine große Anstrengung bedeutet: Es ist einfach etwas anderes als unser Theater, da kommt eine Fremdheit dazu, ein Geheimnis. Ich bin immer begeistert, was für Überraschungen da kommen.”
Gabriella Lorenz
Süddeutsche Zeitung, SZ Kultur, 10.10.2012
Die Schönheit jedes Einzelnen
Beim vierten Grenzgänger-Festival im Schwabinger Theater am Sozialamt sind erstmals auch Kinder- und Tanztheater zu Gast

„Bist du normal, bist du Schauspieler oder bist du behindert?“ Der Satz fällt in der „Thikwa“-Produktion „Protokoll Pankow“, die am kommenden Dienstag bei den Grenzgänger-Theatertagen zu sehen sein wird. Und er ist deshalb so schön, weil er den Schauspieler, dieses irrlichternde Wesen, zwischen zwei scheinbare Gegensätze klemmt. Normal? Behindert? „Die Frage“, sagt Anette Spola, „wird für mich immer weniger wichtig.“ Vor allem da, wo es um künstlerische Prozesse gehe, um unterschiedliche Phantasien.

(…)Dass die geladenen Arbeiten professionellen Kriterien standhalten können, ist Anette Spola und ihrem jüngeren Schauspiel- und Regiekollegen Lorenz Seib wichtig, der die aktuellen Theatertage ko-kuratierte, an deren Ausrichtung mittlerweile das ganze TamS-Umfeld beteiligt ist. Seib kennt die Arbeit in einer gemischten Gruppe auch von innen, als Mitspieler bei der TamS-Produktion „Business Class“: Er berichtet vom „anderen Tempo“ bei der Arbeit. Und dass man als Improvisateur gefordert sei, „weil man nie so genau weiß, was kommt – und ob es kommt“. Und dann, sagt er, kommt es manchmal so auf den Punkt, dass es einen fast umhaut.

Anette Spola und Lorenz Seib sind Begeisterte. Wobei die aktuelle Grenzgänger-Begeisterung nur als Zuspitzung einer all-gemeinen Theaterbegeisterung erscheint. Als Begeisterungsgipfel sozusagen. Im Gespräch über Rührung, besondere Auren und die Grenzen, über die zu gehen man sich nicht traut, taucht immer wieder die besondere Faszination auf, die von einem Darsteller ausgeht, der auf der Bühne stets ein bisschen er selbst bleibt. (…)

„Apropos“ haben einen festen Kern von Stammspielern, die auf der Bühne oft glücklicher sein mögen als im schnöden Privatleben. Patienten einer wie auch immer gearteten Theatertherapie sind sie deshalb trotzdem nicht. Sondern, so Spola, „hochbegabte Leute“. Auch die geistig behinderten Akteure des Passauer Theaters „Brût“ zählt sie dazu. Wie die sich in „Draußen vor der Heimat“ mit all ihren Mitteln auf die Spur ihrer Wurzeln und Sehnsüchte begeben, ist für die TamS-Chefin „besonders beglückend“.
Sabine Leucht

 

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