2013

JUBILÄUM

Fünf Jahre Grenzgänger

21. bis 30. November

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Presseschau

Süddeutsche Zeitung, 25.11.2013
Die Schönheit jedes Einzelnen
Die „Grenzgänger-Theatertage“ im TamS widmen sich dem Thema Integration und Inklusion. Zum fünften Geburtstag ziehen sie mit den großen Produktionen auch in den Marstall.

Sophie ist eine bezaubernde Person mit viel natürlicher Grazie. Allein, in welch apartem Winkel sie die Hand hebt, als wolle sie gleich ein Ballett-Solo tanzen. Und in dem schnippischen „Ach du!“, das sie ihrem Schauspielerkollegen Alex hinwirft, steckt gleichsam subkutan ihre gemeinsame Geschichte. Generelle Zuneigung ist zu erahnen, eine leichte Genervtheit vielleicht – und viel gesundes zwischenmenschliches Grenzen-Ziehen. Das Theater Thikwa, das am Donnerstag mit der Szenencollage „Landschaft mit Stühlen“ die fünften „Grenzgänger“-Theatertage im TamS eröffnete, spielt mit den offenen Nähten zwischen Person und Figur, die die von den Berlinern praktizierte Kunstform besser als jede andere aufblitzen lassen kann.

„Ich sitze hier und frage mich, ob mich jemand liebt.”

In einem integrativen oder inklusiven Theater, in dem auch Menschen auf der Bühne stehen, die man gemeinhin als „Behinderte“ bezeichnet, ist die glatte Als-Ob-Oberfläche sowieso obsolet, das große Ganze weniger interessant als das Detail. Und das ist hier, wo 15 Sitzgelegenheiten von fünf Leuten getestet und Töne und Worte gekostet werden: der Mensch in seiner generellen Verschiedenheit. Einer ist brummig und auch körperlich schwer, einer hört schlecht und mancher hat ein sichtbareres Handicap, das seine geistige oder körperliche Bewegungsfreiheit einschränken mag, aber im nicht so seltenen Einzelfall auch für eine gewisse Furchtlosigkeit sorgt: „Einen schönen Feierabend“ wünscht etwa Thikwa-Akteur Alexander Lange zum Schluss. Er hat jetzt lange genug in seinem Rollstuhl gesessen und uns unterhalten. „Und“, sagt er noch, „Die Tür ist übrigens da!“ Wenn nur jeder so gut und klar für seine Bedürfnisse eintreten würde!

(…) Theater Hora aus Zürich ist erstmals auch in München zu Gast. Und das Stück, das am Mittwoch im Marstall zu sehen sein wird, dürfte den Kern der Arbeit der Züricher Gruppe sogar weit besser abbilden: „Die Lust am Scheitern“ ist eine Art Improvisationstheater und macht das Wagnis selbst zum Thema, das jede Arbeit mit Menschen bedeutet, bei denen die gesellschaftlichen Schleifprozesse weniger greifen. Jeden Abend, sagt der Pressetext, stehe hier alles wieder neu auf dem Spiel. Und jeder Abend ist anders. Wenn das nicht der Kern von Theater ist – und ganz besonders ins TamS passt, den Ort für „Eigensinnige, Hintersinnige und Eigenbrötler“, in dessen Arbeiten Anette Spola schon seit Jahren ganz selbstverständlich auch „Psychiatrieerfahrene“ einbezieht. Die „Grenzgänger-Theatertage“, die Spola mit ihrem Regie- und Schauspiel-Kollegen Lorenz Seib ausrichtet, könnten manch einem auch als Medizin gegen den grassierenden Perfektionismus dienen, als Schulung in Gelassenheit. Wie hieß es doch bei Thikwa so schön:“ Muss ein Lied denn immer ein Lied sein?“ (…) Sabine Leucht

Münchner Merkur, 30.11..2013
Wollige Trolle
Dafür verdient die Münchner Prinzipalin Anette Spola eine besondere Medaille. Vor fünf Jahren hat sie ihr TamS, eine winz-, aber geschätzt-geliebte Traditionsbühne, herzweit geöffnet für Künstler und Künstlerinnen mit einer Behinderung. Ihre jetzt fünften „Grenzgänger“-Theatertage wurden ein Programm-dichtes Jubliäumsfest mit Workshops, Filmen, Ausstellungen und natürlich Theaterproduktionen. Angereist waren dafür aus Freiburg Die Schattenspringer, aus Zürich das Theater Hora, aus Berlin die Theater Thikwa und RambaZamba.

Schön und richtig, dass das Residenztheater fürs Zürcher Hora und jetzt für das raumgreifende Tanztheater „Jahreszeiten” von RambaZamba den Marstall zur Verfügung stellte. Damit sind die ,,Grenzgänger” ein Stück weiter in die Stadt integriert. Ein Stück näher auch dem Ziel des selbstverständlichen unverkrampften Miteinanders. RambaZamba, eines der ältesten professionellen integrativen Theater, lebt es ja so leichthändig vor. Hier spielen die Lehrer und Trainer zusammen mit ihren Down-Syndrom-Künstlern. Und man müsste schon blind sein, um nicht zu sehen, dass Gisela Höhne (Gesamtleitung) und der Finne Tomi Paasonen auf Natur- und Wetterempfinden ihrer Darsteller eingehen; dass sie deren Spiel- und Bewegungsideen einarbeiten. Am sommerlichen Teich sonnt man sich, macht mit aufgeblasenem Bodybuilding-Torso den Anmache-Macho und kraul-krabbelt durch das kühle Nass. Das kreisrunde ,,Teich”-Tuch dient dann, zu Strawinskys ,,Sacre du printemps”, als Wiese und auch als weitschwingender Mantel der Uralten (einer Figur des zugrunde liegenden ,,Frühlingsopfer”-Mythos). Malve Gradinger

 

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